day tripper

Ihre Ulrike-Meinhof-Sonnenbrille, meine Original-BOAC-Flugtasche.
Unsere Superconstellation: Zwei Singles als Doppel-A-Seite
in der Gültigkeit aller der aus der Zeit Gefallenen.
Oder eben beide hoffnungslos verjährt.
Am Check-In, auf einer schwarzen Schiefertafel,
stand das Menue zur First-Class: Rehrücken wolkenlos.
Wir stellten uns ans Ende je einer Schlange
und warteten, aber niemandem fiel etwas auf.

Es sind diese schmiegsamen Flughafen-Frauenstimmen,
darin jene Distanz, die an die letztgültige Kälte grenzt.
Und wie immer dringlich und doch wie erst ganz am Ende
deines gerade eben zerbröckelnden Traums begreifst du:
Mit allem, was sie aufrufen, meinen sie immer nur dich
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Haltestellen Flughafenfeld  Ausschnitt

 

 

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Haltestellen II

Vennhauser Allee

Leerstelle Plastikschalensitz die Brandung
des Verkehrs ob aus dem Ungefähren gleich ins Nichts –
das Kind im Kinderwagen weint ja nur weil alle
es vor der Welt an Achtsamkeit fehlen lassen

Halt aus der Zeit gekippt in die Umstehenden
wie sie schwanken die Füße vertreten die Idee
als Wartender für alle Zeit überall und immer derselbe zu sein –
nur ein paar Gesichter müsste man hier und da noch vertauschen

unversehens ein Dunst der sich verdichtet fast
wie eine Gestalt die näher kommt kurz an etwas rührt
an eine Stelle tiefer und irgendwo gleich da ist es wieder
ein Kinderweinen: es war immer es wird schon alt

und Jahre drauf der einsame Arbeiter an der Buslinie
gegen fünf am Morgen in dem ersten Haltestellenlicht
das Ausdampfen seines Leibs in der Kälte –
den Plan solcher Pünktlichkeiten kennt man nicht

 
 

Graf-Recke-Straße

Von Spraydosen, Filzstiften und scharfen Gegenständen völlig verkritzelter Anstrich des Wartehäuschens, das einmal blau gewesen sein mag. Im Suff lustvoll zerscherbte Schnapsflaschen, Bommerlunder und Kleiner Feigling. Der Stumme Verkäufer wird hier mit keinen Zeitungen mehr gefüllt, er liegt, ein roter Metallbehälter, aufgebrochen und überreich zugleich von den Früchten in dem Brombeergebüsch.

Wozu was wissen. Wochentags kann man zu gewissen Pausen im tagsüber eh ausgedünnten Verkehr von hier aus der Taktung einer Schulglocke zuhören. Später sitzen dann auch ein paar Jungen da, lassen ein paar Busse vergeblich halten und erzählen einander phantastische Geschehnisse, in denen man ihre Sehnsüchte ahnt. Andi ist schwul und Tanja fickt Kanaken: Ein schwarzer Edding tut es allen kund.

Langer Sonntag, knapp verpasste Idyllen unverhoffter Menschenabwesenheit ohne das Warten auf Verheißung, ohne die Unleserlichkeit der Melancholie. Und versteht wer das Glück, das erst die Nichtbeachtung uns allen schenkt? Zu gewissen Zeiten ist das hier ein nahezu angenehmer Ort, einer Waldandacht nicht fern, einem ferneren Kirchturm im Tal, ja, mit inneren Läuterungen und langsam darüberhin ziehenden Wolkenschatten noch eine urbane Schonung. Ein legitimierender Ort, um zu warten, ohne die mühselige Probe zu machen, worauf.

 
 

Theodorstraße

Vage Faulgerüche, ein weiteres Mal der Moder heraus dem hergewehten Herbstlaub, schon nicht mehr untergepflügt auf bald zubetonierten Feldern. Von dort her auch, wie eine kaum fassbare Trübung, aufsteigender Nebel, leichtere Gestalten an einem luftigeren Ort zu wandeln. Von der Kälte schon taube, widerstandslose Kinderhände, erlkönighafte Schmeichler, die in Torbögen warten.

Die bekannte Diesigkeit mit verirrten Autolichtern, die aufblenden zwischen weiteren dunst-wandlerischeren Abwesenheiten hier und da. Von den noch gut auszumachenden Silos Oberhausener Straße her die Ahnung bald ehemaliger, schon umso ferner liegender Altindustrien.

Es scheint, es behielten im Herbst Bäume in der Nähe von Straßenlampen länger ihr Laub. Nähere Randlage, noch nicht einbezogen oder schon wieder aufgegeben im Verkehrsplan – der Aushang verfault und kaum mehr lesbar -, entdeckt man lange nicht mehr gewechselte Reklamen in dem mit Blättern stark zugewehten Unterstand. Und weitere welke Gestalten. Etwas Hirnhautdünnes, etwas wie Menschenlaub, ist das gemeinsame Schweigen der abgearbeiteten Alten, getrübt bis geübt bis in den Blick, der auf mich, den Ortsfremden, fällt.

Dabei kenne ich mich hier aus. Einen Fuchs habe ich hier mal durchschnüren sehen, ein schönes, in der Fahlheit des nächtlichen Kunstlichts kinderbuch-rotes Fabeltier. Es sah tatsächlich aus wie ein Fuchs. Und soll man sich wundern? Die Wildnis kehrt zurück. Nein, tut sie nicht, denn war sie je fort? Menschen werden hier wenige umgeschlagen, die Wartenden – Alte und Ärmliche, ab und zu ein gewohnt Abseitsstehender wie ich -, scheinen selbst wie aus anderer Zeit. Die demnächst irgendwo da hochgezogenen Protzbauten gehen keinen was an.

Über den nahen Start- und Landebahnen orten sich wechselnde Positionen verkehrsdichten Blinkens, auf dem nördlichen Zubringer in Hörweite huschen in der rascher einfallenden Finsternis eilig Verbindungen von und nach fern. Anderer Tagesrand, schon ist es wieder dunkel. Kleine Winde in den Blatthaufen und zwischen schwer trennbaren Hemisphären ein Rauschen wie von großen Flügeln. Eine himmlische Art Pendler stellt man sich vor, das ungleich effizientere Verkehrsnetz einer anderen Art von Bewohnern, während der Bus ausbleibt. Auch sie landen hier nicht. Ich geh dann zu Fuß.

 
 

Merzigerstraße

Plakatierter Bauzaun, improvisierte Hochspannungsleitungen. Abwesenheiten kreuzen hier über Mittag, pünktlich auch um die Versäumnisse, ein Kasten Streusand ist immer gleich da. Ein Stück ist es noch zu den ersten Häusern der Siedlung.

Im Weiteren herum der Schienenkehre stehen sie, Männer an einer Stelle außer der Reihe. Spürbare Windwechsel passieren die Kurve, die eisernen Rollläden in dem Eckhaus sind heruntergelassen, der Kiosk hat Ruhetag. Kommt das Bier eben von anderswo her.

Später haben sie sich in der vor dem Wind schützenden Mauereinbuchtung postiert, trinken entschlossen, immer noch lange schweigend. Kaum mürrisch, rauchen sie, räuspern sich, runzeln die Stirn über die metallene Verwitterung des Papierkorbs, betrachten das Schild über dem Wartehäuschen mit dem ab und an anonym gewechselten Wort aus der Bibel. Einer wendet sich ab zum Trinken in langen Zügen, ein anderer hat sein Fahrrad schräg gestellt und lehnt lässig mit der Hüfte gegen den stützenden Sitz. Sie meiden den zu langen Blick aufeinander. Irgendein Heil oder eben keines mehr wird irgendwann irgendwo schon noch auf sie warten.

(2009)

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